
Ein Jahr danach
Settlement Regret oder halten die Ergebnisse einer Mediation?
Hält eine Mediationsvereinbarung langfristig oder herrscht bei den Parteien Settlement Regret? Eine deutsche Langzeitstudie und der SIDRA International Dispute Resolution Survey 2024 geben Aufschluss darüber, wie zufrieden Parteien mit den erarbeiteten Lösungen sind und wie Mediation im internationalen Wirtschaftskontext abschneidet. Daraus ergeben sich konkrete Stellschrauben für die Praxis, von der Praktikabilitätsprüfung bis zum Reality Check vor Unterzeichnung.
Ein Einwand gegen Mediation ist die Befürchtung, ob eine faire Lösung gefunden werden kann, die auch wirklich hält. Steht am Ende der Mediation eine (unattraktive) rein wirtschaftliche Entscheidung oder gar ein fauler Kompromiss? Kann der Konflikt wirklich bereinigt werden, oder verschiebt eine Mediation das unausweichliche Gerichtsverfahren nur nach hinten? War das Mediationsverfahren daher nur ein Umweg zu Gericht?
Diese Fragen sind durchaus berechtigt und die Befürchtungen lassen sich auch nicht pauschal zerstreuen: Es ist richtig, dass der Ausgang einer Mediation oft mehr “black box” ist als in einem Gerichtsverfahren. Genau das, was Mediation auch sehr attraktiv macht - die Flexibilität in Prozessführung und beim Lösungsspektrum - macht den Verlauf auch unvorhersehbar.
Ich habe in den bisherigen Beiträgen den CEDR Mediation Audit Report ins Treffen geführt: 87% Einigungsquote bei Mediationen in UK, davon 70% am selben Tag. Diese Zahlen sind verständlicherweise nur dann beeindruckend, wenn die Parteien auch langfristig mit dem Ergebnis zufrieden sind. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob eine Einigung erzielt wird, sondern ob sie Bestand hat.
Dieser Artikel ist kein Versuch, Mediation gegen diese validen Einwände zu verteidigen. Stattdessen möchte ich eine Einordnungshilfe auf Basis von Studien geben und einige Erwägungen aus der Praxis: Was braucht es für eine solide Mediationsvereinbarung?
Settlement Regret oder nachhaltige Lösung?
Studie aus Deutschland - Fokus auf langfristige Zufriedenheit
Eine Studie aus Deutschland, (Kaiser, P., Eisenkopf, G., Gabler, A. M. & Lehmann, F. L., (2022) “Qualities and Long-Term Effects of Mediation”, Negotiation and Conflict Management Research 16(2), 132-164.) die 2022 erschienen ist, hat sich mit dieser Frage befasst: Die Studie untersuchte 303 Konfliktfälle (Zivilrechtsstreitigkeiten, Nachbarschaftsstreitigkeiten, Konflikte im familiären Kontext), mit einem Streitwert bis zu 50.000€, die am Amts- bzw. Landgericht Kiel anhängig waren, und den Parteien Mediation vorgeschlagen wurde. Die Gerichtsverfahren wurden für diese Zeit ausgesetzt. Die Parteien, deren Anwälte und Mediatoren wurden in einem Zeitraum von 2009 bis 2011 (i) vor Beginn der Mediation, (ii) nach Abschluss der Mediation und (iii) ein Jahr nach Beendigung des Mediationsverfahrens befragt.
Die Ergebnisse:
- 92% der untersuchten Fälle konnten innerhalb der ersten Sitzung zu einem Abschluss (mit oder ohne Einigung) gebracht werden, in 91,7% der Fälle dauerte die Einheit 3 Stunden (oder weniger).
- In 85 % der Fälle kam es zu einer Einigung.
- In 70 % der Fälle konnte ein Jahr nach Abschluss der Mediation eine Kostenersparnis bestätigt werden (da bspw. keine Vollstreckung der Vereinbarung erforderlich war) und 73,2% sprachen von einer Zeitersparnis (da keine weitere Involvierung von Anwälten oder Gerichtsverfahren erforderlich waren).
- In 75% der Fälle wurde die Mediationsvereinbarung von allen Parteien eingehalten, in 21,8% war eine gerichtliche Durchsetzung erforderlich.
- 52,7% bewerteten das erarbeitete Ergebnis als fair.
- 58,8% waren mit dem Ergebnis der Mediation unmittelbar nach Beendigung zufrieden, dies stieg auf 64,4% als die Parteien nach einem Jahr neuerlich befragt wurden.
- 84% der Parteien würden in ähnlich gelagerten Konflikten wieder auf Mediation zurückgreifen.
Zusammenfassend zeigt die Studie, dass Mediation auch im langfristigen Rückblick belastbare Ergebnisse liefert. Die Mehrheit der Vereinbarungen hält ohne gerichtliche Durchsetzung, Zeit- und Kostenersparnis sind die Regel, und die Zufriedenheit mit dem Ergebnis steigt im Lauf des Jahres an. Bemerkenswert ist, dass nur 52,7 % das erarbeitete Ergebnis als fair bewerteten, gleichzeitig aber 84 % in einem ähnlich gelagerten Fall wieder auf Mediation zurückgreifen würden. Settlement Regret ist also nicht die Norm, das Phänomen ist aber auch in Mediation nicht von der Hand zu weisen.
Bei der Einordnung dieser Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass die Rücklaufquote bei der Ein-Jahres-Befragung geringer ausfiel als bei den ersten beiden Erhebungswellen, was die langfristigen Zufriedenheitswerte in beide Richtungen verzerren kann. Auch die Übertragbarkeit auf komplexe Wirtschaftsmediationen mit höheren Streitwerten und mehreren Stakeholdern ist begrenzt, da die Studie gerichtsinterne Mediationen mit niedrigeren Streitwerten untersuchte.
Studie aus Singapur - Fokus auf Wirtschaftsmediation
Eine zweite Datenquelle ergänzt den Blick: Der SIDRA International Dispute Resolution Survey 2024 (Singapore Management University) untersucht Wirtschaftskonflikte im internationalen Kontext und vergleicht systematisch die Erfahrungen der Nutzer mit Schiedsverfahren, Mediation und Gerichtsverfahren. Die Studie ist die dritte Auflage und basiert auf 211 Befragten (Anwälte, Executives und In-House Counsel) aus 26 Ländern (sowohl Civil Law als auch Common Law Jurisdiktionen).
Die Ergebnisse:
- 75% der Befragten waren mit den Kosten rund um die Mediation zufrieden, 83% mit der Verfahrensdauer und ebenfalls 83% mit der Vertraulichkeit.
- 75% zeigten sich mit der Prozessflexibilität zufrieden, 71% mit dem Erhalt der Geschäftsbeziehung und 71% mit der Endgültigkeit des Ergebnisses.
- Bei der Beurteilung des Mediators waren 83% mit den Kosten, 88% mit der Effizienz und 88% mit der Expertise zur Konfliktbeilegung zufrieden.
Während die deutsche Studie den Blick ein Jahr nach Verfahrensabschluss richtet und die langfristige Zufriedenheit mit dem Ergebnis und dessen Tragfähigkeit untersucht, erfasst SIDRA die unmittelbare Zufriedenheit der Nutzer mit dem Verfahren selbst. Methodisch ist zu berücksichtigen, dass SIDRA auf einer freiwilligen Branchenumfrage beruht und der asiatische Raum, insbesondere Singapur, in der Stichprobe stark vertreten ist. Die beiden Studien ergänzen sich: Die deutsche Studie belegt, dass die in der Mediation erzielten Vereinbarungen überwiegend Bestand haben und die Zufriedenheit mit dem Ergebnis im Lauf des Jahres sogar steigt. SIDRA zeigt, dass auch im internationalen Wirtschaftskontext die Nutzer mit Mediation in den zentralen Faktoren – Kosten, Verfahrensdauer und Vertraulichkeit – mehrheitlich zufrieden sind.
Was ist entscheidend für eine tragfähige Mediationsvereinbarung?
Auf eine erfolgreiche Mediation zahlen einige Schritte ein, über die ich hier schon geschrieben hatte: Neben der Vorbereitung, der klaren Rollenverteilung, der Kompetenz des Mediators möchte ich hier auf einen weiteren Aspekt eingehen, der aus meiner Sicht für ein solides und tragfähiges Ergebnis erforderlich ist: die Ausarbeitung und Umsetzung der Mediationsvereinbarung (siehe dazu auch hier):
Die Unterfertigung der Mediationsvereinbarung ist meist nicht ausreichend um den Konflikt beizulegen. Die Parteien haben zwar eine Einigung erzielt, wichtig ist es aber diese Übereinkunft in die Umsetzung zu bringen und den (fragilen) Frieden zu erhalten. Die Mediationsvereinbarung ist daher nicht die Ziellinie, sondern der erste Etappensieg.
- Überprüfung auf Praktikabilität und Akzeptanz: Es ist wichtig bereits in der Verhandlung der Mediationsvereinbarung alle involvierten Protagonisten und Departments (Geschäftsführung, Produktion, Rechtsabteilung) mit ins Boot zu holen, um die Vereinbarung auf Praktikabilität und Umsetzbarkeit sowie die Realität des operativen Geschäfts (z.B.: Budgetzyklen, Quartalsziele und interne Abläufe) zu prüfen und gleichzeitig zu verifizieren, ob alle relevanten Protagonisten die Vereinbarung mittragen können oder wollen (siehe dazu auch hier und hier).
- Zustimmungen einholen: Dazu gehört auch, sämtliche interne und externe Zustimmungen einzuholen: Ein CFO, der nachträglich blockiert, eine Bank, die ihre Zustimmung verweigert, ein Aufsichtsrat, der final entscheidet: Werden diese Entscheidungsrealitäten erst sichtbar, wenn die Mediationsvereinbarung in großen Teilen ausgehandelt ist, kann das nicht nur die Umsetzung verzögern, sondern auch die Stimmung belasten.
- Parameter für Umsetzung: Es lohnt sich (intern sowie mit dem Verhandlungspartner) ganz konkret über die Umsetzung zu sprechen, Verantwortlichkeiten zuzuweisen, einen Zeitrahmen zu setzen, Maßstäbe oder Rahmenbedingungen zu setzen, mit denen die Erfüllung verifiziert werden kann, bzw. entsprechende Konsequenzen oder Meetings festzulegen, um nachzubessern oder einzugreifen, wenn erforderlich.
- Vertragsausgestaltung: Dem muss auch in der Ausformulierung der Mediationsvereinbarung Rechnung getragen werden. Es geht daher oft nicht nur um die passenden Vertragsformulierungen, sondern um einen konkreten, praxisnahen Fahrplan. Allgemeine Formulierungen, vage Zeitpläne, Zusagen, die operativ nicht umsetzbar sind, können die Umsetzung der Mediationsvereinbarung rasch kippen lassen.
Eine Mediationsvereinbarung, die sich still und leise auflöst, ist kein Erfolg. Der Erfolg von Mediation lässt sich nicht bei der Unterzeichnung messen. Die eigentliche Frage ist, ob das, was vereinbart wurde, tatsächlich Bestand hat.
Fazit
Die Studienlage zeigt, dass Mediation das Potential hat, Lösungen zu entwickeln, die für die Parteien zufriedenstellend und auch langfristig tragfähig sind. Ob dieses Potential im konkreten Fall ausgeschöpft wird, lässt sich nicht pauschal beantworten. Den Parteien und ihren Rechtsvertretern stehen aber entscheidende Stellschrauben zur Verfügung – von der gründlichen Vorbereitung über die Risikoanalyse bis zum praxisnahen Umsetzungsplan –, um die Weichen für eine solche Lösung zu stellen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Franziska Mensdorff-Pouilly
Als Juristin und ehemalige Rechtsanwältin kenne ich Konflikte aus vielen Perspektiven – von komplexen wirtschaftlichen Auseinandersetzungen und internationalen Schiedsverfahren bis hin zu sensiblen privaten Streitigkeiten und innerbetrieblichen Spannungen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass Gerichtsverfahren zwar rechtliche Klarheit schaffen, aber nicht immer nachhaltige Lösungen. Mediation bietet hier oft eine wirksame und ressourcenschonende Alternative.
Meine Arbeitsweise verbindet Klarheit und Struktur mit Empathie und Offenheit – für Gespräche, in denen alle relevanten Themen Raum bekommen und Lösungen entstehen, die realistisch, alltagstauglich sowie rechtlich und wirtschaftlich tragfähig sind.
